Sexy Fitnesstrend Pole Dance: Weit mehr als nur „Popowackeln“

Pole-Dance-Trainerin Nadine Rebel Kein Sport ist so sexy, und auch keiner so umstritten: Der athletische Tanz an der Stange, im Fachjargon Pole Dance genannt, hat für mächtig Wirbel gesorgt in der deutschen Fitnesslandschaft. Die Kritiker – allen voran die Frauenzeitschrift EMMA – liefen Sturm im Internet, ätzten, polemisierten. Verbalattacken, die bei Nadine Rebel, Inhaberin eines Studios in Augsburg, den Blutdruck in die Höhe schnellen ließen. Doch heute gibt sich die erfolgreiche Unternehmerin entspannter. Ein Interview über die Faszination des Sports, besorgte Eltern und männliche Tänzer.

Nadine Rebel Pole-Dance-Trainerin in Augsburg
Nadine Rebel

Vorab eine etwas persönlichere Frage: Im Gegensatz zu den USA z.B. sieht man es in Deutschland relativ selten, dass eine Frau so muskulös ist wie du. Welche Reaktionen erfährst du diesbezüglich im Alltag?

Hm! Es kommt immer darauf an, in welchen Kreisen man sich bewegt. Natürlich fällt das im Alltag auf. Viele finden es toll, andere möchten nicht so aussehen, weil es ihnen schon „zu viel“ ist. Jeder so, wie er meint!

Du betreibst und unterrichtest Pole Dance seit vier Jahren (im CrazyPole Augsburg), und das leidenschaftlich. Wie viel hat dieser Sport zu deinem athletischen Körperbau beigetragen?

Pole Dance hat mehr zur Definition beigetragen. Wenn man sich in der Szene der Pole Dancer umsieht, dann sind sichtbare Muskeln bei vielen weiblichen Poletänzerinnen nicht unbedingt ein Muss. Bewundernswerte Kraft bringen diese grazilen Elfen dennoch auf, beneidenswert! Pole Dance bedeutet Körperspannung in jeder Sekunde, das trägt natürlich insgesamt zur Rumpfstabilität bei. Fitnesstrainerin war ich schon zehn Jahre vorher, und auch heute noch versuche ich als Ausgleich einmal in der Woche ein klassisches Krafttraining zu absolvieren, schaffe es aber zeitlich nicht immer. Pole Dance hat mich eigentlich schlanker gemacht.

Was fasziniert dich daran?

Die Verbindung von Akrobatik, Ästhetik, Tanz, Körperspannung, Körperbeherrschung. Die Leidenschaft, der Tanz an sich, die Ausdrucksmöglichkeiten, die einem der Sport bietet. Man kann sich beim Tanzen verlieren. Außerdem beansprucht der Sport alles – nicht nur den Körper, auch den Kopf –, denn man muss in jeder Sekunde mit voller Konzentration bei der Sache sein. Da bleibt kein Freiraum für Sorgen, man kann vollkommen abschalten und geht ganz in dieser akrobatischen Tanzsportrichtung auf.

Nadine Rebel in Aktion

„Vorurteile sind binnen zwei Minuten ausgeräumt“

Es gibt wohl kaum eine Sportart, die so polarisiert wie Pole Dance. Eine Redakteurin der Frauenzeitschrift EMMA hat einmal geschrieben: „Yoga, Pilates, Pole Fitness – ist doch alles dasselbe, oder? Nein, ist es nicht! Selbst wenn ich mich zwinge, nicht an St. Pauli, an lilarotes Licht, Bierdunst und gaffende Männer auf Junggesellenabschieden zu denken, auch dann haben  ‚ganzheitliches Körpertraining’ und Pole Dance einfach gar nichts miteinander zu tun.“ Wie gehst du im Alltag mit derartigen Kritiken um?

Ich kenne diesen Bericht. Mittlerweile kann er in meinem Beisein zitiert werden, ohne dass ich an sofortigem Bluthochdruck leide! Gerade der letzte Satz zeigt allerdings deutlich, dass der Urheber bzw. die Urheberin dieses Textes einfach keine Ahnung hat. Das ist traurig. Wie ich mit solchen Kritiken umgehe? Nun, entweder das Gegenüber ist an Informationen interessiert, dann sind die Vorurteile binnen zwei Minuten ausgeräumt, oder das Gegenüber möchte gerne an den Vorurteilen verbissen festhalten, dann kann man auch nichts machen!

Wie viel Überzeugungsarbeit musst du für den Sport und dein Studio leisten – auch z.B. gegenüber besorgten Eltern?

Wenn Eltern einmal sehen, was wir machen, dann ist alle Überzeugungsarbeit geleistet. Ansonsten trifft das zu, was ich zur vorherigen Frage bereits geäußert habe.

Was man für Pole Dance vor allem mitbringen muss

Nadine an der Pole-Dance-Stange

Pole Dance wird oft so ein bisschen als Sport verkauft, den jeder Mensch ausüben kann. Wie ich weiß, siehst du das etwas anders. Was muss ein Sportler oder eine Sportlerin dafür mitbringen – an körperlichen und geistigen Fähigkeiten?

Biss. Im Grunde stimmt es schon, dass jeder Pole Dance machen kann, wenn er oder sie bereit ist, wirklich hart zu arbeiten. Es ist ein harter Sport, und er bleibt hart. Das Training ist anstrengend, und mitunter tut es weh! Die Muskeln schmerzen, man bekommt blaue Flecken, und man muss immer mit voller Konzentration bei der Sache sein. Wer bereit ist, das auf sich zu nehmen, dem wird Pole Dance Spaß machen. Wer Pole Dance mit „Popowackeln“ verbindet, der wird sich überfordert fühlen und enttäuscht sein, weil vor dem Erfolg das Training steht.

Und wem rätst du davon ab – z.B. Menschen mit Übergewicht?

Nicht zwingend! Pole Dance ist insoweit fair, da jede Person ihr eigenes Körpergewicht kontrollieren muss. Manchmal haben Menschen mit etwas mehr auf den Rippen auch grundsätzlich schon ein wenig mehr an Muskelmasse, das kann hilfreich sein. Wir übernehmen bei uns keine Verantwortung für Menschen mit Knieproblemen oder Bandscheibenvorfällen und raten auch davon ab, in der Schwangerschaft den Sport weiter auszuüben.

Demnach taugt Pole Dance auch als Fettabbau-Training.

Mit der Zeit sicher. Es ist keine Crash-Kur! Aber meine Kundinnen bestätigen mir, dass sie bereits nach wenigen Wochen auf ihre verbesserte Haltung und ihre selbstbewusstere Ausstrahlung angesprochen werden. Mit der Zeit werden auch die letzten Fettpölsterchen abgebaut.

Wenn man sich in einem klassischen Fitnessstudio anmeldet, wird man vom Trainer nach seinen Zielen befragt. Gehst du in diesen Gesprächen auch so funktionell vor?

Nein. Wir sind kein Fitnessstudio. Wir sind ein Pole-Dance-Studio. Ich gehe also davon aus, dass die Personen kommen, um Pole Dance zu lernen. Somit sind die Ziele klar. Natürlich gibt es Unterschiede. Einige möchten mehr die Kraftelemente lernen, andere legen größeren Wert auf die sinnlichen Bewegungen. Das kristallisiert sich in den ersten Wochen heraus, und dann können die Kunden und Kundinnen die entsprechenden Angebote nutzen. So haben wir beispielsweise neben den geschlossenen Kursen auch freies Training unter professioneller Anleitung – mit dem Hauptaugenmerk entweder mehr auf Choreographie oder auf Halteübungen.

Ohne genügend Eiweiß keine Power für den Tanz an der Stange

Pole Dancerin Nadine beim Training

Gibst du deinen Schülern/-innen auch Ernährungstipps?

Wenn die Kundinnen (ich mag das Wort „Schüler/ Schülerinnen nicht so sehr) das wünschen, gerne! Wichtig ist, dass man genügend Eiweiß zu sich nimmt. Wer sich nur von Wasser mit Zitrone und einem Salatblatt ernährt, der wird die Power, die Pole Dance abverlangt, auf Dauer nicht aufbringen können.

Wie viel Prozent deiner anfangs motivierten Studiomitglieder steigen nach dem Grundkurs aus?

Das ist unterschiedlich. Aber bis zu einem Drittel kann es schon sein!

Hat dieses Drittel den nötigen Biss vermissen lassen oder gibt es da noch andere Gründe?

Mit Sicherheit gibt es da noch andere Gründe. Personen haben sich unter Pole Dance etwas anderes vorgestellt, oder sie kommen mit meiner Art nicht zurecht. Ich verlange viel und bin streng. Allein das dauernde Hinweisen auf die beispielsweise gestreckten Zehen kann mitunter schon nervig sein. Des Weiteren sind, wie bereits beschrieben, Konzentration und Sauberkeit in der Ausführung extrem wichtig, allein um Unfälle zu vermeiden. Da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Das schmeckt nicht allen, ist aber so! Ich bin dafür verantwortlich, alles zu vermeiden, was den Kunden schaden könnte, da muss man eben auch auf meine Anweisungen hören.

Unterrichtest du eigentlich auch Männer?

Ja. Es sind allerdings nur wenige, die den Sport machen wollen. Meist möchten sie binnen der ersten Stunde ein bis drei publikumswirksame Figuren lernen (Iron X, Flag etc.), um dann am nächsten Straßenschild angeben zu können. Das geht nicht. Jeder fängt am Anfang an! Da Pole Dance aber auch ganz unterschiedlich interpretiert werden kann – man kann auch auf Heavy Metal performen – ist der Sport für beide Geschlechter etwas. Meist haben die Männer eher Schwierigkeiten damit, dass auch sie ganz kurze Hosen tragen und sich gegebenenfalls auch die Beine rasieren müssen, um einen besseren Grip an der Pole aufbauen zu können.

Du hast selbst einmal die US-amerikanische Pole-Dance-Pionierin Pantera Blacksmith interviewt, und die hat dabei u.a. folgenden Satz fallen lassen: „Wenn die Leute anfangen, Pole Dance wie Zumba zu akzeptieren, dann wird der Sport auch viel von seinem Reiz verlieren.“ Siehst du das genauso?

Vielleicht ein bisschen. Natürlich genießt Pole Dance einen Exotenstatus. Natürlich möchte man neben all der Akrobatik auch lernen, sich sinnlich bewegen zu können. Für sich, in geschützter Atmosphäre, in einer netten Gruppe. Gerade bei Junggesellinnenabschieden sehe ich immer wieder, wie schwer es Frauen fällt, sich mit ihrer Körpermitte anzufreunden (Po, Becken etc.). Und ab und an – wenn uns der Sinn danach steht – da tanzen wir auch in hohen Schuhen, ganz klischeebedienend. Aber wir tun das für uns. Da werden dann auch mal die Vorhänge zugezogen.

Selbst in den Großstädten München, Hamburg oder Berlin kann man die Zahl der Pole-Dance-Studios fast noch an einer Hand abzählen. Was glaubst Du: Wie sehr wird die Szene wachsen in den nächsten Jahren?

Ich sehe es so: Die Entwicklung wird die gleiche sein, wie bei allen aufkeimenden Sportarten. Es wird einen Hype geben, eine Hochphase und mit dieser Hochphase werden Kunden dann auch auf die Qualität des Studios und die Ausbildungsgüte der Trainer achten (können). Dann werden viele Studios wieder aufgeben (müssen). Aber Pole Dance wird bleiben und sich seinen Platz sichern, dessen bin ich mir sicher!

Vielen Dank für das hochinteressante Gespräch, Nadine!

Mehr Infos zu Nadine Rebel und CrazyPole Augsburg gibt’s hier. Auf Facebook ist sie mit ihrem Studio natürlich auch vertreten.

Du interessierst dich für Pole Dance und willst diese Trainingsart selbst ausprobieren? Hier findest du beispielsweise Studios in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg, Hannover, München und Stuttgart.

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